Braucht Infotainment in Print und TV eine FSK Freigabe?
Unter Infotainment versteht man laut Wikipedia die unterhaltsame Vermittlung von Bildungsinhalten und Scheinwissen, das den Anspruch erhebt, Bildungsbestandteil zu sein. Eine ziemlich treffende Beschreibung, wenn ich mir Formate wie Galileo, Wunderwelt Wissen, Welt der Wunder oder ähnliches betrachte. Wenn es beim reinen Infotainment, also der unterhaltsamen Präsentation von wissenschaftlichen Fakten, bleiben würde, dann hätte diese Form der Unterhaltung wirklich eine Existenzberechtigung. Ein positives Beispiel für eine gelungene und ausgewogene Mischung aus Unterhaltung und Wissensvermittlung ist in meinen Augen die Sendung Quarks und Co. Wo wir auch schon bei des Pudels Kern sind.
Unser jüngstes Patchwork-Familien Mitglied (10 Jahre) ist aufgeweckt, neugierig und wissbegierig und schaut deswegen gerne die oben genannten Sendungen. Leider kann er in seinem Alter aber noch nicht so gut differenzieren, was man von den Dingen, die da so verzapft werden besser nicht ernst nimmt. Wenn diese schrecklichen Infotainment-Magazine nun berichten, dass 2012 möglicherweise die Welt unter geht, oder dass es in Deutschland ein großes Erdbeben geben wird, oder ein Wirbelsturm über uns hereinbrechen wird, dann nimmt sich der Kleine das zu Herzen. Erst gestern Abend stand er nach dem zu Bett gehen nochmal auf, kam zu uns ins Schlafzimmer und sagte uns, er könne nicht schlafen, weil er sich Sorgen machen würde, das 2012 die Welt untergehen wird. Ich konnte ihn dann recht schnell davon überzeugen, dass er sich nicht Sorgen müsse, indem ich ihm in etwa erzählte, was ich hier als Glosse formuliert habe, also die schlichte Tatsache, dass die Welt schon ziemlich oft untergehen sollte und es nie passiert ist. Das hat er glücklicherweise sofort verstanden, aber bei anderen von Galileo und Co verbreiteten Horror-Szenarien war es teilweise schwieriger ihn davon zu überzeugen, dass es sich dabei einfach um Bullshit handelt.
Das Thema kann aber nicht eindimensional betrachtet werden, da die Eltern ja in der Hand haben, was die Kinder sich im Fernsehen ansehen, oder welche Zeitschriften sie lesen. Zumindest bis zu einem gewissen Alter. Dabei gibt es verschiedene mögliche Ansätze: Entweder das Anschauen gewisser Sendungen nicht erlauben – mit entsprechender nachvollziehbarer Begründung, oder es tolerieren und die schwierigen Themen gemeinsam reflektieren. Ob nun das eine oder das andere richtig ist, vermag ich nicht zu beurteilen, das hängt von zu vielen Kriterien und den beteiligten Menschen ab. Bei uns wird jedenfalls, auch wenn es nicht immer einfach ist, kritisch reflektiert, erklärt und erläutert. Es wäre mir zwar lieber, der Kleine würde erkennen, dass diese Formate mehr unterhaltenden als bildenden Charakter haben, aber vielleicht braucht es dazu einfach noch Zeit und mehr Reife.
Trotzdem erlaubt das Thema die Frage, ob diese Infotainment-Formate eigentlich einer FSK-Prüfung standhalten würden. Die FSK (Freiwillige Kontrolle der Filmwirtschaft) geht erst ab einem Alter von 16 Jahren von einer entwickelten Medienkompetenz aus. FSK ab 16 eingestufte Inhalte dürfen im deutschen Fernsehen erst ab 22 Uhr gezeigt werden, FSK ab 12 Inhalte erst ab 20 Uhr. Die oben angesprochenen Magazine laufen vor 20 Uhr, demnach wären Sie für alle Altergruppen geeignet, denn Sendungen ohne Altersbeschränkung und auch Sendungen ab 6 Jahren dürfen zu jeder Tages- und Nachtzeit gezeigt werden.
Ob die genannten Infotainment-Magazine wirklich keine Alterbeschränkung bekämen, bezweifele ich.
Vorwerfen kann man den Produzenten dieser Formate allerdings nur die etwas unterirdische Qualität, die letztendlich aber auch Geschmackssache ist. Medienerziehung ist und bleibt – eine sehr wichtige – Sache der Eltern und nicht die der Fernsehsender. Trotzdem wäre etwas mehr “Info” und weniger “tainment” in meinen Augen wünschenswert. Es schauen schließlich auch Kinder zu.



1sell0r
geschrieben am 25 November 2009 um 16:08
Ja was da teilweise über den Bildschirm flackert und dann auch noch als Bildungsfernsehn verkauft wird ist schon ziemlich gruselig.
Da lob ich mir “Die Sendung mit der Maus”.
2Marc
geschrieben am 25 November 2009 um 16:10
Naja Sendung mit der Maus ist für einen wissbegierigen 10-Jährigen wohl etwas zu einfach, was ich wirklich gut finde ist, wenn der Kleine Quarks und Co schaut, weil ich die Sendung selbst klasse finde.
3sell0r
geschrieben am 25 November 2009 um 16:14
Besonders schlimm finde ich diese Vermischung von Inhalten. Da läuft erst der Kinotrailer zu 2012, danach irgend ne Infotainment Sendung zum Thema, und danach der große XY Fernsehfilm mit ähnlichem Inhalt. Das ganze naturlich hektisch geschnitten und völlig von Werbeblöcken zerstückelt.
Da fällt es mir ja als ungeübtem Fernsehgucker teilweise schwer Realität von Fiktion zu unterscheiden. Wie soll das ein Kind schaffen?
4thingonaspring
geschrieben am 26 November 2009 um 11:36
Ein “Kind” kann und soll es nicht schaffen.Punkt. Wobei man auch gleich anmerken sollte: Das Pferd wird falsch aufgesattelt. Nehme ich einen Erziehungsauftrag ernst, lasse ich ein Kind nicht unbeaufsichtigt alleine TV “konsumieren.” Ich weiß, dass ist ein ganz großer Knackpunkt – aber hier muss und soll man seinen pädagogischen Auftrag nicht aus den Hand geben ihm einer Fernsehserie überlassen. Ganz egal ob das nun “Löwenzahn”, “Sendung mit der Maus” oder “Quark und Co.” ist.
Aus dem einfachen Grund, dass eine reflektierte Rezeption bei einem Zehnjährigen einfach nicht gegeben ist – oder als vorausgesetzt erwartet werden darf. Medienkompetenz wird dann schnell herbei geredet – aber die endet bereits bei den TV-Konsumenten, bei denen die Kiste ab 9 Uhr morgens läuft. Und die meisten Eltern haben mit diesem Begriff eigentlich nur zu tun, weil sie ihn irgndwo aufgeschnappt haben und ihn als inhaltslose Hülle weiter verwenden.
“Infotainment”, “Edutainment” – Schlagworte mit denen die “Konsum-Industrie” ein Format aufwertet. Der praktische Nutzen bleibt außen vor. Kognitiv passiert beim “Anschauen” eines solchen Formats gar nichts. Ganzheitlich so oder so nicht. Wissen wird aus zweiter Hand erworben, einen praktischen Bezug kann das Kind nicht herstellen. Und wird es später auch nicht können. Es fehlen orginäre Begegnungen, die ein Zusammenhang der vorbereiteten Information erkennen lassen. Eine halbe Stunde zugucken beim Moppedschrauben und gelegentlichem Reichen einer Schraube setzt im Kopf eines Kindes mehr in Bewegung, als es eine Fernsehsendung zu erreichen vermag. Als Hintergrund: Es blieb in Erinnerung, dass die Erde untergeht. Nun, sie wird irgendwann untergehen das ist genau so sicher wie der irgendwann eintretende Tod – fraglich bleibt, ob das nun kindgerecht ist oder nicht. Bzw. wann ich das Kind damit konfrontieren kann.
Hier bleibt die Kiste aus. Wir haben einfache und feste Regeln: Kinder schauen nicht alleine TV und fragen vorher nach. Anschließend muss sich einer der “großen” Menschen mit dem Kind zusammen das Programm angucken. Es muss erläutert und erklärt werden. Praktisch sieht das so aus, dass TV hier nur als Randerscheinung läuft. Aus Langeweile wird glücklicherweise nichts geguckt. Dafür haben wir reichlich Bücher, einen Garten, Tiere und sonstwas, was einen realen Kontakt und Lernen ermöglicht. Auch bei schlechtem Wetter :-).
Was die “TV-Formate” betrifft: Hier wird geschickt Werbung verkauft. Nichts anderes. Nur läuft das haarscharf an einer Grenze entlang, wo niemand wirklich etwas sagen kann und darf. Dass hier “Konsum” verkauft wird, dürfte dem gebildeten Menschen nicht entgangen sein. Im Print-Bereich nennt man den Kram “Advertorial” oder “PR” – im Fernsehen wird das geschickt umgangen. Raffiniert.
Zur FSK: Du kannst dort jederzeit einen Antrag auf eine Altersprüfung stellen. Das ist kein Problem. Die Sendung wird dann – bei erfolgreichem Protest! – im “Nachhinein” als FSK-XY eingestuft und dann entsprechend ausgestrahlt. Was natürlich reichlich sinnfrei ist. Vorab wird nur dann geprüft, wenn offenkundig etwas gegen die “gute Moral” verstoßen sollte. Da sichern sich die Verantwortlichen schnell selber ab.
5Marc
geschrieben am 26 November 2009 um 12:18
Also bei uns läuft es im Grunde ähnlich ab: Ungefragt wird der Fernseher nicht eingeschaltet und viel Fernsehen schaut zumindest der Kleine nicht, aber er hat eben schon Sendungen, die er gerne schaut, meistens eben diese “Wissenssendungen”. Verbieten wollen wir es ihm nicht, dann lieber reflektieren, weil so vielleicht der Wille kritisch zu sein später gestärkt ist.
Letzte Woche haben wir dem Kurzen und seinem Freund erlaubt einen alten PC zu schlachten und völlig auseinanderzubauen – das war spannend für die Beiden – das so etwas viel intensiver hängen bleibt, als irgendeine TV Sendung ist natürlich klar. Interessanterweise wusste der Kleine sogar, wo die Northbridge ist u.s.w. weil Steffi das in Ihrer Umschulung kürzlich als Vortragsthema hatte. Schon interessant, was so bei Kindern hängen bleibt… wir haben dann noch zusammen den Prozessor ausgebaut und die RAM Bausteine, war schon klasse, weil praxisnah. Ähnlich deinem Beispiel des Motorradschraubens.