Der Tag des Unfalls beim Schützenumzug in Menden
Steffi und ich saßen am Nachmittag auf dem Balkon, als wir einige Sirenen von mehreren Krankenwagen und der Feuerwehr hörten. Kurz darauf ging bei uns im Lahrfeld die Sirene, die alle Feuerwehrmänner zum Einsatz ruft. Wir haben zu dem Zeitpunkt gedacht, es würde irgendwo brennen, aber als plötzlich mehrere Rettungshubschrauber kreisten, und das direkt über uns, war uns klar, dass es sich um einen Unfall handeln musste. Vermutlich ein schwerer Verkehrsunfall.
Kurz darauf kommt unsere Nachbarin und erzählt, was geschehen ist: Ein Auto ist 500 Meter weiter die Straße runter, an der Kreuzung wo der Kiosk ist, in den Schützenumzug gerast und es gäbe mehrere Tote. Wir sind ziemlich geschockt und sofort voller Sorge, weil unser Jüngster an dem Tag bei seinem Vater ist und wir nicht wissen, ob er vielleicht mit ihm runter ist, um auch den Schützenzug anzuschauen. Steffi versucht sofort den Vater zu erreichen, doch er geht nicht ans Telefon, weder auf dem Festnetz noch auf dem Mobiltelefon. Zum Glück fällt Steffi ein, dass sie noch eine alte Geburtstagseinladung für den Kleinen hat, wo die Handynummer der Freundin des Vaters mit angegeben ist. “Soll ich da anrufen?”, fragt mich Steffi noch, was ich ohne Zögern mit “ruf da an”, quittiere.
Nach bangen Momenten meldet sich die Freundin des Vaters und gibt Entwarnung. Sie sind in Lünen gewesen und gerade auf der Rückfahrt, dem Kleinen geht es gut. Uns fällt ein Stein vom Herzen, doch gleich das nächste Problem: Der Sohn der Nachbarin ist mit zwei anderen Kindern aus der Nachbarschaft kurz vor dem Unfall den Schützenzug anschauen gefahren. Sie lässt ihre zwei jüngsten Kinder bei uns und zieht mit ihrem Ältesten los, um zu suchen. Ihr Jüngster sitzt mit uns auf dem Balkon und stellt allerlei Fragen, die wohl aus seiner Sorge resultieren und die wir nicht wirklich beantworten können, weil wir selbst ziemlich geschockt sind. Wir versuchen ihn zu beruhigen.
Nach einiger Zeit sehen wir vom Balkon unsere Nachbarin mit ihrem Sohn, auch ihm ist nicht passiert, Gott sei dank. Sie kommt hinauf in unsere Wohnung und erzählt vom Chaos unten an der Kreuzung, während ein weiteres Mal ein Rettungshubschrauber vom ADAC im Tiefflug über uns hinweg fliegt. Die gesamte Kreuzung ist gesperrt, viele Krankenwagen, Polizei und Feuerwehren sind vor Ort, ein Notfallzelt wird aufgebaut. Ihr Sohn hat von dem Unfall selbst nichts mit bekommen und ist nach dem Unfall auch glücklicherweise nicht zur Unfallstelle gefahren, um zu schauen was passiert ist. Es war ihm wohl nicht geheuer und er hat wohl instinktiv gewusst, dass etwas sehr schlimmes passiert sein muss.
Allerdings hat der Sohn von einer anderen Nachbarin den Unfall direkt mitbekommen, liegt zuhause auf dem Sofa und steht unter Schock. “Die sind durch die Luft geflogen”, soll der Vierzehnjährige gesagt haben, ein schrecklicher Gedanke, der in meinem Kopf Bilder erzeugt, die allein schon in der Phantasie grauenvoll sind. Mir läuft es kalt den Rücken runter und auch Steffi scheint sehr betroffen zu sein. Sie kennt viele hier aus der Gegend und auch einige, die Mitglied in der Schützenbruderschaft sind, immerhin lebt sie schon über 10 Jahre im Lahrfeld.
Unsere Nachbarin geht wieder nach oben, wir schalten Radio MK ein, um zu erfahren, ob vielleicht etwas in den Nachrichten berichtet wird und tatsächlich, ein Reporter ist direkt vor Ort und berichtet von 3 Toten und mehreren Schwer- und Leichtverletzten. Der Fahrer eines dunklen Mercedes sei mit hoher Geschwindigkeit in das Ende des Schützenzuges und danach in ein Polizeifahrzeug gerast. Warum ist unklar, es wird gemutmaßt, dass er vielleicht einen Herzinfarkt hatte. Allerdings fällt mir auf, dass sich das mit der Angabe, dass der Fahrer nur leicht verletzt ist, nicht so wirklich deckt.
Nach den Nachrichten gehen wir wieder auf den Balkon, sprechen nicht viel, rauchen dafür nervös um so mehr, während weiterhin mehrere Male die Rettungshubschrauber über unser hinwegfliegen. Plötzlich ruft unsere Nachbarin vom Balkon herüber, dass Steffis Jüngster gerade mit dem Fahrrad die Straße runter Richtung Unfallstelle gefahren ist. “What the fuck?”, denke ich und wir springen von unseren Stühlen auf. Steffi ruft vom Balkon laut seinen Namen, aber er ist wohl schon außer Reichweite. Völlig unter Strom schnappe ich mir meinen Helm und den Motorradschlüssel und haste mit Steffi durch das Treppenhaus auf die Straße. Ich stülpe mir den Helm auf und starte mit zittrigen Fingern meine Yamaha, aber übertreibe es dabei mit dem Choke und mit dem Gas und die Maschine säuft ab. Schnell schiebe ich die Maschine auf die Straße und versuche mich anrollen zu lassen, was aber nicht gelingt, weil ich den Choke wieder zugedreht habe, doch da kommt mir der Kurze mit dem Fahrrad schon entgegen, ein Nachbarsjunge hat ihn noch abfangen können. Ich sage ihm, er soll mal schnell zu Steffi fahren, die ein Stück weiter die Straße oben steht. Erst jetzt bin ich ruhig genug, um zu realisieren, dass ich den Choke gar nicht drin habe und nun klappt es auch mit dem Anrollen. Die Yamaha brüllt, als ich Gas gebe. Dann drehe ich und fahre zurück zum Parkplatz, wo Steffi bereits mit dem Vater telefoniert und erklärt, dass die Kinder auf keinen Fall zur Unfallstelle fahren sollen.
Ein Kind muss nicht sehen, wie ein Mensch mit einem Tuch zugedeckt wird, ein Kind muss auch keine Blutspuren und Kreideumrisse auf dem Asphalt sehen und ganz bestimmt ist das sogar altersunabhängig. Schreckliche Tragödien reißen Löcher in die Herzen der Mitmenschen, die vom Verlust eines geliebten Menschen betroffen sind und Alle die so etwas miterleben, auch wenn nur als Zuschauer, werden diese schrecklichen Bilder nicht vergessen. So weit entfernt ich selbst vom Geschehen auch war, aber so geschockt und betroffen, wie ich mich fühlte, übersteigt es meine Vorstellung, wie es für die Menschen gewesen sein muss, die wirklich dabei waren.
Glücklicherweise haben wir in Deutschland eine meist recht gut funktionierende Rettungsinfrastruktur, so dass bei diesem schlimmen Unglück sofort professionelle Hilfe vor Ort war. Auch, dass innerhalb weniger Minuten 4 Rettungshubschrauber eingetroffen sind, spricht für unser Rettungssystem.
Unsere Nachbarin hat übrigens noch erzählt, dass sich ein Anwohner mit dem Piloten eines Rettungshubschrauber angelegt hat, weil der Rettungshubschrauber auf seinem Parkplatz gelandet ist und der Mann dort lieber parken wollte. Vielleicht nur ein Gerücht, aber wenn es wirklich stimmt, frage ich mich, was für seltsame Menschen unsere Welt doch beherbergt. Sei’s drum, alles Spekulation.
Den Menschen die direkt von dem Unglück betroffen sind wünsche ich für die Zukunft die Kraft das Geschehene zu verarbeiten.


